Die Goldenen Zitronen


Ohlalalala“ singen die Goldies auch, aber dann gleich: „Sehe ich Dunkles hinter deiner Tür / Ich bin da, ich helfe dir“. Spielt „Nützliche Katastrophen“ im Kopf von Caligula? In dem von Björn Höcke oder Viktor Orban? oder von Boris Johnson? Geht’s hier um die tot geglaubte Wiederkehr von populistischer Feindbildproduktion zum machtpolitischen Selbstzweck? Oder seh‘ ich mich noch auch ganz gerne in der Trotzdem-alles-im-Griff-Rolle? Diese beunruhigende Gewissheit, dass das Private politisch ist, liegt oft unter den Texten der Goldenen Zitronen. „Ich weiß jetzt das du Angst hast vor Veränderung / Obwohl du gern nach Teneriffa fliegst“, heißt es in „Bleib bei mir“ (feat. Sophia Kennedy). More than a feeling eben. Selbst ein retro- und funmäßig daherkommender Song wie „Das war unsere BRD“ bringt einen ganz schön zum Grübeln: „Aufkleber, die die Gesinnung klären“, „Polizisten im Safarilook“, weißt du noch, Schatz? Aber waren wir damals besser dran? Was heißt überhaupt „Wir“?

„More than a Feeling“ ist nicht zuletzt auch eine Sammlung von verzweifelten Spottliedern, also Songs, bei denen du nicht recht weißt, ob nicht die Verzweiflung über das Verspottete den Spott noch durchdringen lässt. Wie in „Mauer bauen“ zum Beispiel, wo sich die Goldies fragen, was eigentlich mit „Volk“ gemeint ist: „Meinen sie damit, dass sie um die Nasen die sie tragen wollen, dass sie um die Musik die sie hören wollen, um die Autos die sie fahren wollen, um die Schweine die sie essen wollen, um die Schritte die sie marschieren wollen etwas herum bauen wollen, um nur „ihr wir“ sein zu können?“ Irre ich mich, oder gab es je auf einem Album der Hamburger Band so viele „Hä?“, „What?“ oder „Was?“-artige Ausrufe gleich im Eröffnungsstück „Katakombe“? Nicht immer gleich die Haltung aus dem Schrank holen. Erstmal verstehen wollen, was eigentlich abgeht.


Datum: 27/03/2019
Uhrzeit: 20:00 Uhr
Ort: Zeche Carl Essen
Stadt: Essen