2011/11/09 | Reifrock | Gdanska Oberhausen

Geschrieben von: Peter Schönberger

Das Gdanska ist rappelvoll, alles wartet gespannt auf die sechs, die vor 30 Jahren eine der ersten deutschen Folkrock-Bands gründeten. Tageschau Ende 20.15 Uhr betreten sie die Bühne, ein kurzer Ton und fünf kraftvolle Stimmen füllen den Saal, a-capella, präziser fünfstimmiger Satzgesang, eine ganze Strophe eines Renaissance-Textes „Hier sind wir arme Narren…“ – dann Drums, Bass, Gitarre – Rock trifft auf Folk – Folkrock vom Feinsten.

REIFROCK ist wieder da!

Das muss man sich erst mal trauen, so ein Konzert zu eröffnen, das erfordert Präzision, Sicherheit, Selbstbewusstsein und nicht zuletzt Können. Und REIFROCK kann! Ohne lange zu fackeln erklingt im Anschluss die Landsknechtstrommel zu einem dumpfen, bedrohlichen „Flandern in Not“, ein Titel, mit dem REIFROCK vor 30 Jahren die Folkies faszinierte und der heute immer noch, oder wieder, seine Kraft und Bedeutung hat.

Winfried Baar beginnt mit der Landsknechtstrommel, Werner Klinkhammer am Schlagzeug steigt wuchtig ein, Manfred Klingbeil am pulsierenden Bass und Till Bittroff an der effektvollen E.-Gitarre bereiten einen satten Sound, über dem die Pfeife von Rainer Langenbrinck schwebt, die Stimmung einer Schlacht. Und dann der Gesang von Jürgen Mrak, das passt, das stimmt, das ist „Flandern in Not“. Und immer wieder der mächtige fünfstimmige Chor: „…in Flandern reitet der Tod…“.

Nach diesem fulminanten Start geht es entspannt weiter, kleine Anekdoten führen in mittelalterliche Lieder ein, die heitere Geschichten erzählen, wie die „Ballade vom warmen Bett“ oder vom Widerstand, vom Aufruhr gegen die Obrigkeit, wie „Der Revoluzzer“. Der Titel „Die Welt ist aus den Fugen geraten“, mit einem Text des zeitgenössischen Autors Wolfgang Bittner, erzeugt Gänsehaut durch seine Aktualität und musikalische Intensität, heute fast noch mehr als von 20 Jahren.

Überzeugende Vielfalt prägt die Musik von REIFROCK, nicht nur, weil die Gruppe über vier ausgezeichnete Leadsänger verfügt, sondern weil die Instrumentierungen und Arrangements der Stücke sehr unterschiedlich sind und immer neue Klangfarben durch die verschiedensten folkloristischen Instrumente den Charakter der einzelnen Titel prägen, Instrumente, die viele zum ersten Mal sehen und hören wie Dulcimer, Epinette des Vosges, Autoharp, aber auch Mandoline, Akkordeon und eine Vielzahl verschiedener Flöten. So hinterlassen die Ballade vom „Chidher“ und das „Wiegenlied aus dem 30-jährigen Krieg“ vor der Pause einen tiefen Eindruck beim begeisterten Publikum.

Nach der Pause geht es zunächst tänzerisch weiter. Es folgen der rockige „Hinker“, die amüsante „Knechtsballade“, das melancholische „Regen und Sonne“, bis mit „Des Sängers Fluch“, der zehnminütigen Ballade von Ludwig Uhland, ein Höhepunkt erreicht ist. Da kann nur noch der rockige Titel „Die Wanderratten“(Text: Heinrich Heine), den fetzigen Schlusspunkt bilden.

Das Publikum ist begeistert und fordert lautstark seine Zugaben. Im „Erbsentanz“ bringen die Mandolinen und die Flöte noch einmal ordentlich Schwung in die Bude, bevor der lang erwartete REIFROCK-Klassiker „Der Zimmergesell“ den folkrockigen Höhepunkt eines ganz besonderen Konzertes markiert.

Nach rund drei Stunden Super-Folkrock, mit tollen Texten und Melodien, klasse Gesang und z.T. seltsamen Instrumenten, wird allen Beteiligten auf dem Heimweg noch so manche Textzeile und Melodie im Kopf herum schwirren und ich bin mir sicher, dass man demnächst von REIFROCK noch so einiges hören wird.

Setlist:

Die Nachtmusikanten, Flandern in Not, Das Mädchen am Ufer, Der König im Norden, Der Revoluzzer, Ballade vom warmen Bett, Der Beichtvater,

Lied der rechten Mitte, Chidher, Wiegenlied, Djick, Der Hinker, Knechtsballade, Regen und Sonne, Maley und Malone, Die Welt ist aus den Fugen geraten, Des Sängers Fluch, Der rote Daniel, Die Wanderratten, Der Zimmergesell, Erbsentanz